Chica
Torpedo
aktuell: Schmidi
im Interview
zu Strassenmusik wie "Buskers" auf DRS1
(Fr. 7. Aug 09)
Interview: Baltasar Mörgeli / Schmidi Schmidhauser
März 04
BM: Schmidi, du bist jetzt schon fast seit
20 Jahren ununterbrochen in der CH-Musikszene
tätig, bist seit 17 Jahren Mastermind von "Stop
the Shoppers". Was treibt dich dazu,
eine Combo wie Chica Torpedo auf die Beine zustellen
und Lieder für diese Band zu schreiben?
Genügen Dir die Shoppers nicht mehr?
SCHMIDI: Einerseits habe ich natürlich
Chica Torpedo nicht mutterseelenalleine auf die
Beine gestellt. Ich habe mich auf ein betehendes
Latin Trio gesetzt (Percussion: Marco Messmer / Beat
von Wattenwil / Anselmo Torres). Es
war schon sehr viel da. Die Jungs spielen schon
seit 20 Jahren zusammen und haben ein Zusammenspiel
das Seinesgleichen sucht. Auf der anderen Seite
ist es für einen Musiker wie mich wichtig,
sich in verschiedenen Projekten zu betätigen.
Habe ich auch schon immer getan. Früher waren
es die legendären Hot DC, heute Chica Torpedo.
Ich glaube den Musiker/innen in der Schweiz, besonders
den Mundart Schaffenden, bringt es enorm viel wenn
sie sich in veschiedenen Formationen betätigen..
Mit fünfzig Konzerten pro Jahr hast du die
deutschschweizer Live Konzert Clubs bestens bedient,
dann gibt's noch ein paar Festivals und paar Privatpartys
und dann machst du besser mal eine Pause, eine
neue CD oder eben mal was anderes. Das Land ist
klein, der Röstgraben breit und das Ausland
kehrt dir in der Regel seinen breiten Rücken
zu.
BM: Wie bist du auf dieses bestehende Latin
Percussionisten Trio gestossen ?
SCHMIDI: Ich kenne sie schon seit Jahren.
Schon in meiner Jugend habe ich die Jungs immer
Trommeln gehört - am Lagerfeuer im Zaffaraya,
auf der Münsterplatform, an Partys. Später
probten sie immer im sogenannten "Ethnoraum" in
der Reithalle. Man konnte sie von der Strasse her
hören wenn man an der Reithalle entlang Richtung
Neufeld ging. Sie wurden von Jahr zu Jahr besser.
Ausser- dem habe die drei in unzähligen Latin-Formationen
gesehen. Immer wenn eine namhafte Salsaband in
der Schweiz gute Pecussionisten sucht, fragen sie
zuerst Marco Messmer / Beat von Wattenwil / Anselmo
Torres. Letzterer ist ja auch Congaspieler bei
Stop the Shoppers und seit Jahren mein Nachbar.
Was die drei auszeichnet ist ihre absolut ungebrochene
Spielfreude. Sie spielen so oder so wöchentlich
zusammen, egal ob Bandprobe oder einfach nur zum
Spass, sie treffen sich und jammen was.
BM: Wie kamst du zu den anderen Musikern?
SCHMIDI: Beim Bass bin ich natürlich
sehr verwöhnt Ich spiele am liebsten mit meinem
Bruder Jüre. Es gibt für mich einfach
keinen besseren Bassisten. Aber Jüre hat viel
Arbeit mit Züri West und er erzählte
mir von Joël Kaiser. Wenn einer groovemässig
der ganzen Geschichte gewachsen ist, dann ist ER
das! Mein Brüderchen hatte recht! Ein absoluter
Glückstreffer ist auch Sebastian Berger am
Vibraphon - eigentlich ein Jazz-Schlagzeuger! Kein
Schwein wusste, dass er so sagenhaft Vibraphon
spielt. Beim ersten Jam dachte ich bei mir: "mein
Gott spielt der viele Töne!!" Inzwischen
habe ich mich in sein Spiel verliebt. Dann ist
da noch Baritonsäxeler Dänu "Y" Meyer.
Mit ihm jammte ich schon vor Jahren. Eigentlich
wollte er nur das Booking von Chica Torpedo übernehmen.
Das kam mir ein wenig komisch rein. Ich meine,
was macht einer der besten Saxophonisten von Bern
im Managerbusiness? Natürlich hatte ich völlig
recht. Er spielt viel besser Saxophon. (schmunzelt...)
BM: Du hast alles versucht. Jazz, Rock, Reggae,
Affro, Pop, warst einer der ersten Mundart Hip
Hop Texter sogar TexMex gabs von Dir zu hören.
Wie kommt es das du beim Latin so lange hängen
bleibst?
SCHMIDI: Na ja TexMex ist vielleicht ein
wenig übertrieben. So eine Art TexMex. Keine
Ahnung was Mexikaner oder Texaner zu meiner "Matilda" (so
heisst das Lied) sagen würden. Ich weiss nur
dass die Nummer einen unüberhörbar erdigen
und kompakten Rhythmus hat. Und genau dieses Phänomen
reizt mich. Wärend andere Schweizer Songwrighter
mehr auf Text oder Melodie setzen, bin ich persönlich
sehr erpicht auf geile von Hand gespielte Grooves
und da bleibt man dann schon mal beim Latin hängen.
BM: Wenn ich Ricky Martin höre sind die
Drums auch nicht unbedingt von Hand gespielt.
SCHMIDI: Bei seinen Platten ist das so.
Live hat eine affengeile Rhytmussection dabei.
Ich muss natürlich ein bischen genauer werden.
Latinmusik ist sehr vielschichtig. Von Mexiko bis
tief in den Süden von Argentinien gibt es
Musik in verschiedensten Farben. Trotzdem sprechen
die Leute in der Regel von etwas ganz anderem.
Wenn sie Latin sagen dann meinen sie vorerst mal
Ricky Martin oder Shakira, oder dieser steife Latintechno
der mehr an Mallorca oder an Ballermann erinnert
als an etwas anderes. Da wird mir persönlich
schlecht davon. Nein ehrlich, für mich ist
Latin dieser bezaubernde Swing den die meisten
hierzulande nur von Bueno Vista Socialclub kennen.
Und genau diesen kann man nicht von Computern spielen
lassen. Schlussendlich ist Salsa, Son, oder Rumba
einer der wenigen Styles die bisher nur sehr bedingt
vom Rechner nachkonstruiert werden können.
Bei Merengue oder Raga hingegen, ist die Drumachie
heute schon fast ein Muss.
BM: Hast du etwas gegen Computermusik?
SCHMIDI: Nein es gibt sehr schöne
Sachen die nur dank Computer möglich sind.
BM: Aber eine Abneigung gegen Technosound könnte
man bei dir schon vermuten.
SCHMIDI: Sagen wir es so. Musik wird einförmiger
durch die immer noch eher beschränkten Möglichkeiten
des Computer Musik direkt zu beeinflussen. Das
finde ich schade. Früher hatte jede Band ihren
eigenen Sound. Heute werden fast alle Hits auf
den selben Programmen mit den selben Beats, den
selben Pluginns und Sounds designt. Auch die Performance
wird je langer je mehr gleichförmiger, jedes
Konzert genau gleich, Improvisation verläuft
sehr steif. Playback ist heute sogar bei den DJ's
gang und gäbe.
BM: Bist du altmodisch?
SCHMIDI: Nein ich bin wieder einmal der
Zeit voraus. Die Latinmusik von der ich spreche
wird sich in der Schweiz und in ganz Europa nachhaltig
in die Herzen der Menschen einnisten. Da bin ich überzeugt.
BM: Reitest du nicht eher mit auf dem bestehenden
Salsaboom?
SCHMIDI: Wir Pioniere reiten nicht. Wir
sind die erste Schweizer Latinband die sich wagt,
Eigenkompositionen im Sonstile mit eigenen Mundarttexten
zu schreiben. Es gibt zwischen 40 und 50 Salsabands
in der Schweitz. Falls denen nicht ein waschechter
Latino die Songs schreibt, spielen sie Covers.
BM: Findest du das schlecht?
SCHMIDI: Nein, nein. Das ist normal für
einen Style der ernsthaft Einzug hält in Europa.
Auch beim Jazz oder Blues oder sonst einer Musikrichtung
ging es eine Weile bis in Europa wirklich eigenständige
Kompositionen geschrieben wurden.
BM: Tanzen an euren Konzerten die Leute Salsa?
SCHMIDI: Nicht immer, aber immer öfter (!).
Für mich ist es das Grösste, wenn vor
der Bühne Pärchen tanzen. Es gibt nichts
Schöneres für mich. Die Leute sind dann
voll in der Musik und strahlen wie die Leuchtkäfer.
BM: Sind sie als Publikum nicht zu sehr mit
sich selber beschäftigt?
SCHMIDI: Kommt sehr drauf an, wie gut sie
den Cassinotanz beherrschen. Es gibt Paare, die
tanzen enorm locker und haben auch Zeit um ein
wenig mit dem Sänger zu schäkern. Anfänger/innen "chnortzen" den
ganzen Abend an ihrem Tanzschrittli und wissen
am Schluss nicht einmal wie die Band hiess. So
oder so ist es eine Wonne für Tanzpaare zu
spielen... ist mir viel lieber als wenn die Leute
mit dem Bierglas in der Hand auf meinen Mund starren
und Tiefsinn hinter meinen Texten suchen.
BM: Suchen sie vergebens?
SCHMIDI: Den Tanzschritt oder den Tiefsinn??
BM: Beides.
SCHMIDI: Ich bin oft an Salsapartys und
muss sagen, die Schweizer tanzen immer besser.
Manchmal nehmen sie es ein wenig zu streng und
vergessen den eigentlichen Grund warum sie Tanzen.
Aber im Grossen und Ganzen sehe ich viel Licht
am Ende des Tunnels. Wichtig finde ich, dass der
Paartanz an und für sich in Europa wieder
Fuss fasst. Lange war er verpönt. Besonders
die Hippie Generation hat den Paartanz gehasst.
Zum Tiefsinn hinter meinen Texten kann ich nur sagen: All zu tief macht auch
nicht Sinn. Auf der einen Seite wird Mundartmusik all zu oft auf den Text reduziert.
Ich bin Musiker und kein Pfarrer. Auf der andern Seite sollte der Zuhörer
so oder so, egal über welches Thema du singst, früher oder später
mitbekommen wer du bist, was du denkst, oder ob du überhaupt etwas denkst.
Ich gehe davon aus, dass das Publikum bei Schmidis Texten merkt auf welcher
Seite er steht.
BM: Erkläre mir ein wenig mehr über
dieses "All zu tief macht auch nicht Sinn".
SCHMIDI: Ich meine damit dieses Zeigfingerwesen.
Immer sollte gleich krampfhaft die Moral der Geschichte
zu Tage kommen. Manchmal schreibe ich einen Text
auch einfach so. Irgend ein Gefühl das mir
auf dem Magen liegt. Oder vielleicht nehme ich
mir absichtlich die Freiheit einfach einen Blödsinn
zu schreiben. Es muss nicht immer alles so ernst
gemeint sein.
BM: Aber grundsätzlich sind die Texte
von dir nicht gänzlich unpolitisch. Jedenfalls
bei Stop the Shoppers hatte es auf jeder Scheibe
einen Polit-Song.
SCHMIDI: Ganz schlimm war es am Anfang.
Da gibt's so Polit Nummern wofür ich mich
heute fast schäme. Aber mir wärs lieber
hier das Thema zu wechseln.
BM: Aber es gibt sicher auch politische Texte
die du auch heute noch unterschreiben würdest?
SCHMIDI: Klar doch.
BM: Zum Beispiel?
SCHMIDI: (Denkt nach) Zum Beispiel der
Song vom Bundesrat "hockt im Schuumbad u dänkt
im Grund gnoh wär i gar nid füre Chriegsfall...
aber äbe" der war erstaunlich zeitlos.
Jetzt gerade mit dem Irakkrieg und dann Blocher....
BM: Was hat denn Blocher damit zu tun?
SCHMIDI: Das kommt dann später im
Song. Da denkt der Chauffeur vom Bundesrat " im
Grund gnoh hätt i gar nüt gäg dä Bundesrat,
oder öppe gäg ene Bundesrätin...
aber äbe"
BM: Unterscheiden sich die Texte bei den Songs
die du für Chica Torpedo geschrieben hast
von den Shoppers Texten
SCHMIDI: Nein, meine Texte sind so wie
sie sind.
BM: Worin unterscheiden sich denn Chica Torpedo
und Stop the Shoppers?
SCHMIDI: Shoppers machen egal was sie spielen
- Funk.
Chicas machen egal was sie spielen - Son.
BM: Was sind die Pläne von Chica Torpedo?
SCHMIDI: Viele Konzerte geben, und gute
Songs schreiben. Unsere zweite CD aufnehmen. Wir
suchen ein Plattenlabel das an unseren Durchbruch
glaubt.
BM: Ich wünsche euch viel Glück.
SCHMIDI: Merci |